Evangelisch-Lutherische Kirche Zwönitz

Predigt zu Matthäus 16,24 von Pfarrer Pangert zu Karfreitag (10.4.20):

 

In der Not sind wir alle gleich. Bei all meinen eigenen Erfahrungen und Betrachtungen von Not hätte ich diesen Satz nicht unbedingt immer unterschreiben können. Unterschiede im Sinn von Ungleichheit und Ungerechtigkeit entstehen in manchen Nöten. Doch mit dieser Predigt will ich uns schon vor Augen führen, wie tröstlich die Erfahrung von Gleichheit in der Not sein kann, um dann letztendlich doch festzustellen, dass es Karfreitag einen Unterschied gibt, weil Nöte nicht immer vergleichbar sind.

Nach Tagen der Ausgangsbeschränkungen, der Anteilnahme am Leid der anderen oder der eigenen Leiderfahrung, der Existenzängste und vielerlei Sorgen, die einfach nur schrecklich sind, beobachte ich einiges, was mir Mut macht und zutiefst menschlich ist. Es ist, was dieser Satz zusammenfasst: In der Not sind wir alle gleich.

Ich will es auf zwei Beobachtungen bringen. Zum einen ist es die medizinische Versorgung. In den letzten Jahren hat sich bei uns eine medizinische Zweiklassengesellschaft herausgebildet. Die gibt es immer noch und wird es vermutlich in zukünftig besseren Zeiten wieder deutlicher geben. Aber zur Zeit ist die Frage nach der Art der Krankenversicherung doch zweitrangiger, sodass eine medizinische Gleichstellung auf dem Hintergrund der tiefen Not zumindest in Deutschland für mich schon etwas menschlich Tröstendes hat.

Das zweite ist die Art der Einschränkungen in unserer Situation. Auch hier sind wir alle gleich. Bei mir läuft derzeit der Fernseher oder der Computer auch mehr als sonst. Da sehe ich mitunter berühmte Größen hinter ihrer Webcam oder künstlerisch kreative Leute, die genauso unaufgeräumt in ihrer Wohnung sitzen und nicht raus dürfen. Das sieht so aus, als haben die ähnliche Gedanken und Gefühle. Da hilft es auch nicht, wenn sie aus goldenen Tassen trinken oder technisch auf einem ganz anderen Niveau ausgestattet sind. Ich finde es auch gut, dass die „besonderen“ Menschen das oft nicht zeigen, falls sie so etwas überhaupt haben. Denn wir sind alle gleich. Zumindest in diesen Tagen. Wir sind vor diesem Virus alle gleich. Alle sind wir gefährdet. Alle sind wir Gefahr für andere. Mit viel Geld oder Macht wehrt niemand persönlich das Virus ab.

Wenn ich nun auf Jesus und seine Jünger zu sprechen komme, gibt es auch diese Gleichheit. Die Bibel nennt das Verhältnis zwischen Jesus und seinen Jüngern Nachfolge. Jesus lud ohne große Vorzeichen Menschen ein, ihm nachzufolgen. Jeder Jünger hatte, solange er Jesus nachfolgte, nichts. Der Beruf spielte beim Jesus nachfolgen in der Gruppe dann keine Rolle mehr. Das Geld ebenso wenig. Und die vorher erreichten Leistungen interessierten niemanden. Mit diesen Voraussetzungen waren sie alle gleich. In Matthäus 16,24 sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“ Dieses Verleugnen will ich heute mal nur kurz so auslegen, dass es bedeutet, mich mit all dem zurückzunehmen, von dem ich gerade beschrieben habe, dass es keine Rolle spielt, wenn ich Jesus nachfolge. Für uns heute, die wir Jesus nicht sehen können, heißt Nachfolge dann, nicht mich selbst mit meinem Namen, meinem Besitz, meinen Errungenschaften und meinen Willen an die erste Stelle zu setzen, sondern den Willen Jesu, wie ich ihn heute verstehen kann. In dem sind Christen, die sich heute als Nachfolger Jesu verstehen, auch völlig gleich. Aber Matthäus 16,24 hat eben noch diesen Zusatz: „Will mir jemand nachfolgen, der nehme sein Kreuz auf sich.“ Und auf diesen Nebensatz wollte ich in dieser Karwoche besonders hinweisen. Theologen nennen das die Kreuzesnachfolge. Das ist die verschärfte Form der Nachfolge, wobei Jesus nicht sagt, dass Nachfolge ohne Bereitschaft zur Kreuzesnachfolge überhaupt geht. Die Jünger Jesu haben diesen Gedanken der Kreuzesnachfolge bis Ostern damals gern ausgeblendet, obwohl sie Gründonnerstag mal schnell behauptet haben, dass sie für Jesus sterben würden. Einen Tag später bei der Hinrichtung Jesu waren die Jünger Jesu weg. Wir Christen blenden die Kreuzesnachfolge auch gern heute aus. Warum soll ich heute noch leiden und sterben für Jesus, wenn er schon für mich gestorben ist? Das stimmt. Und das ist der Unterschied, den ich eingangs schon angedeutet habe. Was Jesus bis Karfreitag auf sich genommen hat, konnte nur er durchleiden. Da sind wir in der Not trotz mitunter ähnlichen Schmerzen und Erfahrungen ihm nicht gleich. Christen sagen: Er war ohne Sünde. Er war anders als wir. Ein „normales Sterben“ wäre vermutlich nicht möglich gewesen. Das bedeutet ganz viel, eben auch, dass er ohne Fehler, ohne Eigennutz, ohne Lieblosigkeit war. Eben nicht wie ich. Er war im falschen Film, könnte man sagen. Aber es war nicht der falsche Film. Er tat das aus Liebe zu mir, um eine Beziehung aufzubauen, die es schon längst nicht mehr so richtig gab, zwischen seinem Vater im Himmel und mir. In dieser Not Jesu werden wir ihm nicht gleich, weil er anders war als ich. Und doch bin ich eingeladen, ihm auch darin nachzufolgen: in seiner Liebe zu den Ungeliebten, die in den Augen anderer keine Liebe verdient haben, und in dem Suchen nach Wegen, mich mit den Nöten von Menschen mit dem Ziel zu verbinden, ihnen Wege heraus zu zeigen oder sie zumindest nicht allein zu lassen. Manchmal bin ich dann auch der, der das Unrecht laut ausspricht im Sinn von Protest gegen die Zustände. Oder ich bin jemand, der zeigt, dass ich da bin und den anderen nicht allein lasse.

Das ist Kreuzesnachfolge mit dem Versuch, mich mit der Liebe Gottes für den anderen und seine Nöte einzusetzen. Und das geschieht mit der Gefahr, bei diesem Versuch auch selbst Leid zu erfahren oder gar zu sterben. Dann mache ich mich eins mit der Not der anderen und es gilt wieder: In der Not sind wir alle gleich.

Ich schließe mit einem Gebet von Adam Thebesius, das ich diese Woche gefunden habe: O hilf, dass wir auch uns zum Kampf und Leiden wagen und unter unsrer Last des Kreuzes nicht verzagen. Hilf tragen mit Geduld durch deine Dornenkron, wenn‘s kommen soll mit uns zum Blute, Schmach und Hohn.

 

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